Eskalation beim Bezirksoberligisten TSV 1860 Weißenburg

Entnommen von www.weissenburger-tagblatt.com (12.05.09, 22:45 Uhr)

WEISSENBURG – Die seit Wochen schwelenden Konflikte in der Fußball-Abteilung des TSV 1860 Weißenburg sind jetzt völlig eskaliert: Der Bezirksoberligist hat sich am Montagabend von seinem Trainer Joachim Müller getrennt und infolgedessen auch die komplette Stammformation der ersten Mannschaft verloren. Zudem haben Co-Trainer Michael Seitz und Reservecoach Helmut Vierke – beide seit vielen Jahren eingefleischte TSVler – aus Verärgerung ihren Rücktritt erklärt.

Zum Ende einer verkorksten Saison stehen die Weißenburger vor einem großen Scherbenhaufen: sportlich mit zwei Herrenmannschaften, denen der Abstieg droht; personell mit zwei Trainerentlassungen, einem Spartenleiter-Rücktritt und einem riesigen Aderlass an Spielern, die den Verein im Lauf der Saison verlassen haben oder dies jetzt tun werden. Ansbacher Verhältnisse also in Weißenburg, denn die SpVgg hatte im Winter nach einer Trainerentlassung ebenfalls sehr viele Fußballer verloren.

Für das gestrige Nachholspiel gegen den SC 04 Schwabach (Ergebnis siehe Hauptsportteil) war von den bisherigen teils lang gedienten Stammspielern, die zumeist seit Jugendjahren beim TSV 1860 spielen, praktisch niemand mehr übrig. Stattdessen traten die Weißenburger mit Jugendspielern bzw. mit Akteuren an, die zuletzt in der «Ersten» nur Ersatz waren oder aus diversen Gründen nicht zum Einsatz kamen. Als Trainer fungierte erstmals Winfried Zischler, der eigentlich erst im Juli übernehmen sollte und der zurzeit auch die U19 und U17 coacht.

Wechsel früher vollzogen
«Aufgrund der immer negativer werdenden Stimmung der letzten Wochen sah sich die Fußballabteilung gezwungen, Trainer ,JoJo‘ Müller zu entlassen und den für die neue Saison verpflichteten Trainer ,Winne‘ Zischler bereits jetzt zu installieren,» schreibt der derzeitige Spartenleiter Roland Mayer in einer Stellungnahme zu den Turbulenzen. Er sieht den TSV 1860 u. a. als «Ausbildungsverein», der auch in Zukunft auf Spieler aus dem eigenen Nachwuchsbereich setzt. Unter diesem Aspekt ist Mayer davon überzeugt, «auch nächste Saison eine schlagkräftige erste Herrenmannschaft auf die Beine stellen zu können».

Die Abteilung Fußball inklusive der Juniorentrainer stünden hinter dem eingeschlagenen Weg und den getroffenen Entscheidungen mit Zischler als Trainer und Harald Hamann als sportlichem Leiter, schreibt Mayer. «Einige Spieler» hätten den neuen Trainer und die Spartenführung jedoch vor die Wahl gestellt, den Kader der letzten drei Saisonspiele zu bestimmen oder dem Verein nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Zischler, Mayer und Co. ließen sich darauf nicht ein.

In anderen Aussagen hört sich das völlig anders an: Reservecoach Helmut Vierke, ein Urgestein des TSV, sprach von einem «sehr fairen Verhalten der ersten Mannschaft». Diese wollte die Saison nämlich durchaus anständig zu Ende spielen – auch unter dem neuen Trainer, allerdings ohne dessen Sohn Maxi Zischler sowie ohne Andre Dietrich, die sich zuletzt beide mit ihrem Verhalten aus Sicht der Mannschaft selbst diskredidiert hatten. Das sei die einzige Bedingung der Mannschaft gewesen, unterstreicht Vierke. Der neue Coach und die Abteilungsleitung gingen nicht auf die Forderung ein. Dietrich und Maxi Zischler waren gestern Abend dabei, die bisherigen Stammspieler nicht.

Helmut Vierke, der als Reservecoach in den vergangenen Jahren sehr viel leisten und häufig mit vielen Telefonaten eine Mannschaft zusammentrommeln musste, erklärte aufgrund seiner Verärgerung über die jüngsten Entwicklungen ebenfalls seinen Rücktritt. Auch die Weißenburger «Zweite» steckt bekanntlich im Abstiegskampf, und zwar in der Kreisliga. Wie es hier weitergeht, dazu konnte Roland Mayer gestern noch nichts sagen. Wie bei der «Ersten», so ist auch hier aufgrund des jüngsten Eklats der Klassenerhalt noch fraglicher geworden. Sehr fraglich ist auch, ob der TSV 1860 nächstes Jahr überhaupt eine Reserve melden kann.

«Sehr traurig und sehr enttäuscht» zeigte sich «JoJo» Müller über seine Entlassung drei Spieltage vor Saisonschluss. «Ich hätte es durchgezogen und nicht aufgegeben, denn mit einem Sieg gegen Schwabach hätten wir nach wie vor den Klassenerhalt schaffen können», sagte der Laufer, der auch seinen Spielerpass nach Weißenburg gebracht hatte und als Torhüter aushalf. Er hat kein Verständnis dafür, wie man beim TSV 1860 mit einer gewachsenen Mannschaft umgehe, wie man den Karren binnen weniger Monaten an die Wand gefahren habe und wie «verbohrt» die Abteilungsführung am falschen Weg festgehalten habe.

«Es stimmte bei Trainer und Team»
Joachim Müller hätte durchaus Verständnis gehabt, wenn man ihn aufgrund der Tabellensituation und des drohenden Abstiegs gefeuert hätte. «So selbstkritisch bin ich.» Ihn jetzt jedoch für eine negative Stimmung verantwortlich zu machen, ist für ihn nicht nachvollziehbar. «Zwischen Trainer und Mannschaft hat es gestimmt, obwohl wir permanent hinten drinstanden», unterstreicht der scheidende Coach. Dass die Mannschaft hinter ihm und seinen Entscheidungen stehe, habe auch die Reaktion des Teams auf seine Entlassung gezeigt.

Alles in allem muss sich Müller in Weißenburg ein wenig wie im falschen Film vorgekommen sein: Zuerst wurde er als Nachfolger des entlassenen Stefan Richter in der Anfangsphase der Saison mit der Aussicht verpflichtet, dass man längerfristig zusammenarbeiten wolle. Bei der Weihnachtsfeier wurde er vom damaligen Spartenleiter Günther Forster noch über den Schellenkönig für seine hervorragende Arbeit gelobt, um wenige Tage später gesagt zu bekommen, dass er nur bis zum Saisonende bleiben dürfe. Nach dieser Entscheidung kam es schon einmal fast zum Eklat, weil die Mannschaft überhaupt nicht einbezogen worden war. Danach kehrte eigentlich nie mehr richtig Ruhe ein. «Die jetzige Entscheidung setzt dem Ganzen noch die Krone auf,» sagte Müller gegenüber unserer Zeitung.

Roland Mayer «bedauert die gesamte Entwicklung sehr», glaubt aber die richtigen Entscheidungen im Sinne des TSV 1860 getroffen zu haben. Er würde nicht davon sprechen, dass man vonseiten der Spartenleitung alles an die Wand gefahren habe, sondern spricht vielmehr von einer «schwierigen Situation. Wir müssen jetzt von Tag zu Tag denken», sagt er mit Blick auf den sportlichen Saisonendspurt.