Sebastian Müller: Ein Ellinger bei Ajax

Praxissemster bei weltberühmtem Amsterdamer Renommierclub

Entnommen aus: Weißenburger Tagblatt vom 12./13.01.2008 von Norbert Dengler

AMSTERDAM/ELLINGEN - Es ist eine Multi-Kulti-Wohngemeinschaft: drei Holländer, zwei Surinamer (Republik im nördlichen Südamerika) und ein Deutscher leben in einer tristen Plattenbau-Siedlung im Südosten von Amsterdam in einer Sechser-WG auf engstem Raum zusammen. Der Deutsche stammt aus Ellingen und heißt Sebastian Müller. Seit dreieinhalb Jahren lebt er schon in der niederländischen Hauptstadt und ist momentan im Rahmen seines Studienpraktikums für Ajax Amsterdam, dem bekanntesten und erfolgreichsten Verein im Nachbarland, als Physiotherapeut tätig.

I
m Sommer 2004 verlegte Sebastian Müller seinen Lebensmittepunkt von Ellingen in die 750 Kilometer entfernte holländische Metropole. Ohne Sprachkenntnisse zog er damals, begleitet von seinem Vater Harald und Onkel Manfred sowie mit einem voll gepackten Wohnmobil in die Fremde. Nach dem Realschul- und Fachoberschulabschluss in Weißenburg war in Müller der Gedanke gereift, anstatt für den Wehrdienst herangezogen zu werden, ein freiwilliges soziales Jahr zu machen. Als er erfuhr, dass dies auch im Ausland möglich ist, war die Entscheidung schnell gefallen und das „Abenteuer“ konnte beginnen.

"Eigentlich war ich schon ziemlich spät dran und hätte eher ein Land in Südamerika bevorzugt, doch letztendlich war ich froh, als mir doch noch eine Hausmeisterstelle in Amsterdam vermittelt werden konnte“. Über den Träger „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ wurden die Kontakte zu einem Kindergarten hergestellt und der Anfang war gemacht, um in eine fremde Kultur einzutauchen und deren Sitten und Gebräuche kennenzulernen. Im Umgang mit den Kindern, mit holländischen Kinderliedern und im Selbststudium hat er sich nach und nach die neue Sprache beigebracht.

Lebendige Metropole
Sebastian Müller ist inzwischen 24 Jahre alt, spricht fließend Holländisch und Englisch, hat ein Studium in Amsterdam aufgenommen und hat den Schritt "überhaupt nicht bereut". Der Student mit der freundlichen Ausstrahlung fühlt sich rundum wohl. „Amsterdam ist eine der lebendigsten Städte Europas und ein internationales Zentrum“, so Müller, der auch nach dem Ende des freiwilligen sozialen Jahres der Stadt weiterhin treu blieb. „Innerhalb von wenigen Minuten bin ich im Stadtzentrum“ zählt er nur einen von vielen Vorteilen auf. Fortbewegungsmittel sind entweder das Fahrrad (das gängigste Fortbewegungsmittel der Niederlande) oder die Metro. Touristische Anziehungspunkte der 750.000-Einwohnerstadt sind vor allem auch die vielen innerstädtischen offenen Kanäle (Grachten) und die eigenwillige Architektur, Coffeeshops und Museen sowie der Rotlichtbezirk Walletjes.

Inzwischen studiert der Fachoberschulabsolvent an der "Hogeschool van Amsterdam" internationale Physiotherapie und kann in seiner Vita auch ein dreimonatiges Auslandspraktikum in Indonesien auf der Insel Java nachweisen. Erste Berufserfahrung sammelt er derzeit bei der zweiten Amateur-Fußball-Mannschaft von Ajax Amsterdam. „Ich wollte Erfahrung sammeln, wie man sportrelevante Verletzungen am besten behandelt und meine erworbenen Kenntnisse einfach vertiefen“, beschreibt er seine Arbeit und grübelt noch, ob er das Praxissemester von März bis Mai entweder bei Ajax oder beim holländischen Fußballverband (KNVB) absolvieren wird. Als „Werkstudent“ bei dem Navigationsgerätehersteller Tom Tom verdient er sich ein paar Euro dazu, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können.

Zu den Fußballern des Weltklasseklubs, der wegen seiner sehr guten Jugendarbeit weltweit hohes Ansehen genießt, hat er ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut. Am Trainingsgelände „De Toekomst“ (Die Zukunft) begrüßen ihn die Spieler per Handschlag. Das gleiche Ansehen genießt er mittlerweile auch beim Trainer und den Betreuern. Nicht zuletzt deswegen hat er uneingeschränkten Zutritt zu allen Räumen, vom Behandlungs- bis hin zum Vorstandszimmer, wo man auch schon mal Johann Cruyff entgegen kommen kann.

Die Erfahrung mit neuen Freunden, alleine im Ausland und einen Job bei einem renommierten Fußballclub, möchte er jedenfalls nicht mehr missen. Ob er nach dem Abschluss des Studiums in Amsterdam bleibt, nach Ellingen zurückkehrt oder gar ein neues Reiseziel aufschlägt, steht derzeit noch in den Sternen.

Kümmert sich um die Wehwehchen der Amateurspieler von Ajax Amsterdam. Der aus Ellingen stammende Sebastian Müller (links) lebt, studiert und arbeitet seit Sommer 2004 in der Hauptstadt der Niederlande.